Der Kreis der Wächter – Leseprobe


Der Kreis der Wächter

Lou M. Winter


Prolog

Tu nobis lucem, Lucia, dedisti.
Du, Lucia, hast uns das Licht anvertraut.

In den tiefen Verliesen der Folterknechte hauchtest du dein Leben aus. Du, du schönste Seele. Mit scharfem Verstand, weisem Herz und Liebe in den Augen. Als Hexe verleugnet, von Narren beschuldigt, der Körper gemartert und von Grausamkeit zugrunde gerichtet. Niemals werde ich deine Qual vergessen, die du in all dem Schmutz, dem Gestank, inmitten dieses menschlichen Abgrundes erdulden musstest.
Selbst dort leuchtete dein Antlitz in der Sanftheit eines Geschöpfes, das nicht von dieser Welt stammt. Wie ein Engel, der den Menschen nicht versteht, ihn nicht fürchtet, wie es ratsam wäre.
Bei allem, was mir heilig ist, ich schwöre, deinen Kindern wird es an nichts fehlen, so wie all jenen, die deinem Wesen gleichen.

Aus dem Tagebuch des Pfarrers Bartholomäus Schenk
Hamburg, 04. April im Jahre 1646


I.

Bis auf ein paar Jungen aus meiner Klasse, die nach Schulschluss Fußball spielen, ist der Pausenhof verlassen. Ich werfe ihnen einen kurzen Blick zu, als ich vorbeigehe. Trotz der winterlichen Temperaturen tragen sie nur T-Shirts; ihre Rucksäcke, Jacken und Pullover liegen auf einem Haufen am Spielfeldrand. Wie üblich fließen in ihre lautstarke Unterhaltung zahlreiche Schimpfwörter, die sie sich mit aufgeplusterten Gesten an den Kopf werfen. Heute sehe ich sie zum letzten Mal und ich werde sie nicht vermissen, niemanden von der Schule.
Kaum lasse ich das Spielfeld hinter mir, trifft mich der Fußball mit voller Wucht am Rücken. Trotz des ziehenden Schmerzes setze ich ein Lächeln auf und drehe mich um. Das Objekt des Anschlags – harmlos, wie es nun aussieht – rollt den leicht abschüssigen Pfad runter, hin zu Jonas, der ihn aufnimmt und lässig unter den Arm klemmt. »Hey Laine, war keine Absicht.« Sein Grinsen zeigt unmissverständlich, dass er lügt.
»Natürlich nicht. Ich weiß doch, wie du Fußball spielst«, erwidere ich.
»Was soll das denn heißen?« Jonas Gesicht verfinstert sich. Er kennt mich gut genug, um eine Beleidigung hinter dieser Aussage zu wittern.
»Denk mal scharf nach, auch wenn das nicht deine Stärke ist.«
»Und das ist der Grund, warum dich keiner leiden kann«, schnaubt Jonas. »Du bist ein arrogantes Miststück.«
Ich seufze gespielt enttäuscht. »Wie wäre es, wenn du mir etwas sagst, das ich noch nicht weiß?« Ich gehe weiter, während Jonas Zuspruch bei seinen Freunden sucht. Er lästert über mich – laut genug, damit ich ihn auf meinem Weg vom Schulgelände höre. Ich sei eine nervtötende Schlampe und er froh, dass ich endlich verschwinde.
Als ich vor eineinhalb Jahren auf dieses Gymnasium wechselte, nahm ich mir fest vor, ausnahmsweise mal nicht überall anzuecken. Das ist der Vorteil an den regelmäßigen Umzügen und den damit einhergehenden Schulwechseln: Bei jedem von ihnen kann ich ohne Vorgeschichte in einer neuen Klasse auftreten. Doch mein guter Vorsatz hielt nicht lange an und so formte sich auch in dieser Schule der gewohnte Feindeskreis. Meine Persönlichkeit provoziert. Man sagt mir mangelndes Feingefühl nach, oder wie es mein Vater einmal ausdrückte: »Laine, du hast die Sensibilität eines Steinschlags.«
Hinzu kommt, dass ich ein menschlicher Lügendetektor bin. Ich erkenne, was mein Gegenüber denkt oder fühlt. Ich sehe es in seiner Mimik, in der Körperhaltung und höre es im Klang der Stimme. Täuschungen, Unsicherheiten oder Geheimnisse bleiben mir nicht verborgen. Und scheinbar qualifiziert mich das zu einer Persona non grata. Man will nichts mit mir zu tun haben. Denn Ehrlichkeit wird häufiger gemieden, als man glauben mag.
Das Hupen eines Autos lässt mich in meinen Gedanken innehalten. Ich habe den Parkplatz der Schule erreicht und an dem Wendekreis, an dem die Eltern immer mit ihren Autos stehen, entdecke ich den silberfarbenen Kombi meiner Mutter. Richtig, sie holt mich heute ab. Noch so eine Sache, ich neige dazu, Termine zu vergessen.
Ich gehe zum Auto und öffne die Seitentür.
»Wie war dein letzter Schultag?«, fragt mich meine Mutter mit einem strahlenden Lächeln.
»Hinreißend.« Ich schiebe meine Tasche auf die Rückbank, setze mich auf den Beifahrersitz und schnalle mich an.
»So schlimm also?« Meine Mutter startet den Motor. Abgesehen von ihrem freundlichen und etwas aufgedrehten Charakter ist mir meine Mutter recht ähnlich. Zumindest wenn es mein Aussehen betrifft. Ihren Genen verdanke ich die grünen Augen, die symmetrischen Gesichtszüge, die braunen, langen Haare und den schlanken Wuchs. Das ganze Paket sieht mit einem Lächeln allerdings besser aus und damit ist meine Mutter die attraktivere von uns beiden. Obwohl ich den gesellschaftlichen Wahn nach Jugend auf meiner Seite habe. Siebzehn zarte Jahre und ein angenehmes Äußeres sorgen eben nicht automatisch für Beliebtheit, so das ernüchternde Ergebnis meiner persönlichen Erfahrungen.
»Ich dachte, wir zwei gehen noch essen, bevor wir nach Hause fahren«, sagt meine Mutter.
»Warum?«
»Wie warum? Bald sehe ich dich doch kaum noch.« In der Stimme meiner Mutter flirrt Traurigkeit.
Mein anstehender Schulwechsel leitet für meine Familie eine gravierende Veränderung ein. Denn diesmal kommt er nicht durch einen neuen Arbeitsplatz meines Vaters zustande, sondern durch das Stipendium, das ich vor drei Monaten erhielt. Es sichert mir die volle Bezahlung der Gebühren und eine Unterkunft im St. Lucia Gymnasium, einem privaten Internat für Hochbegabte. Das bedeutet aber, dass ich in Zukunft nur noch jedes dritte Wochenende nach Hause fahre; ein Umstand, mit dem sich meine Mutter nicht recht anfreunden kann.
»Ich habe Lust auf Mexikanisch«, sage ich und sehe zu ihr hinüber.
Sie lächelt. »Gut.«

»Diese verdammten Chilischoten brennen mir die Zunge weg«, schimpft meine Mutter und gibt unserer Wohnungstür den notwendigen Schubs, damit der Schlüssel greift.
»Der Kellner hat dich ausdrücklich vor dem Gericht gewarnt«, entgegne ich.
»Ja, ja.« Meine Mutter streift im Flur ihre Stiefel ab und eilt in die Küche.
Ich befreie mich von Jacke und Schuhen und folge ihr; sie steht am Kühlschrank und trinkt die Milch direkt aus der Verpackung.
»Das ist nicht besonders hygienisch«, bemerke ich.
»Sei still Kind, die Notlage erlaubt eine Ausnahme«, antwortet sie mit halbherziger Dominanz und nimmt einen weiteren Schluck. Wenn sie weiß, dass sie ihre eigenen Regeln verletzt, bekommt sie diesen süßen, trotzigen Gesichtsausdruck. Ich wette, den hatte sie schon als Vierjährige im Mimik-Repertoire.
»Ich bin in meinem Zimmer«, sage ich, nehme mir einen Apfel aus der Obstschale vom Tisch und gehe in den Flur.
Von allen Wohnungen, an die ich mich erinnern kann, ist unsere aktuelle die schönste. Sie liegt im ersten Stock eines Altbaues an einer wenig befahrenen Einbahnstraße. Mir gefallen die hohen mit Stuck verzierten Decken, die großen Fenster, die alten, weiß lackierten Türen und die knarzenden Holzböden. Mit dem Fahrrad erreiche ich in zehn Minuten das Stadtzentrum, in zwanzig Minuten meine seit heute ehemalige Schule und eine U-Bahn-Station befindet sich direkt um die Ecke.
Unser neues Heim suchten meine Eltern mit großer Sorgfalt aus, denn zum ersten Mal bezogen wir es auf unbestimmte Zeit. Mit seinen sechzig Jahren wurde es mein Vater leid, immer wieder neue Städte und Menschen kennenzulernen. Auch meine Mutter wollte als Psychotherapeutin mit Anfang vierzig endlich mal eine eigene Praxis mit festem Klientenkreis aufbauen. Damit endete das unstete Leben meiner Eltern, für mich geht es weiter.
Ich öffne die Tür zu meinem Zimmer und finde mich im Chaos wieder. Kartons stehen auf dem Boden – meistens gefüllt mit Büchern –, dazwischen liegen Stifte, Blätter, Schulordner und Kleidungsstücke. Den überwiegenden Teil meiner Garderobe habe ich in zwei große Müllsäcke gestopft; ich werde sie mit ins Internat nehmen. Ich beiße in den Apfel und denke an meine Mitschülerin Mia Franke. Jetzt befinden sich meine Klamotten genau dort, wo sie ihrer Meinung nach hingehören: in Müllsäcken. Sie wirft mir einen einfallslosen Modegeschmack vor, mit dem ich meine Mitmenschen belästige. Zugegeben, in der Hinsicht bin ich eher pragmatisch veranlagt. Röhrenjeans, Karoblusen in unterschiedlichen Farben, T-Shirts, Sweatshirts und Sneakers, mehr brauche ich nicht, für mehr habe ich keine Geduld. Die neusten Trends, die hektisch und unaufhörlich ein Spektakel um das menschliche Erscheinungsbild fabrizieren, stoßen bei mir auf Unverständnis. Für Mia gibt es nichts Wichtigeres. Prinzipiell ist mir das egal. Jeder soll mit der Kapazität seines Hirns anstellen, was er will, aber Mia erhebt den Anspruch, dass alle so denken wie sie. Sie nimmt sich heraus, auf andere herabzusehen und die verschiedenen Outfits ihrer Mitmenschen mit bissigen Kommentaren abzustrafen. Generell redet sie tagtäglich über so viel belanglosen Scheiß, dass meine Gehirnzellen in ihrer Nähe am liebsten Selbstmord begehen würden. – Ja, vielleicht bin ich ein arrogantes Miststück, aber Mias Art empfinde ich als Körperverletzung.
Ich werfe den mittlerweile abgenagten Apfel in den Mülleimer, nehme das Päckchen mit Feuchttüchern vom Boden und wische mir die Finger ab. Mit dem Fuß schiebe ich mir den Weg zu meinem Schreibtisch frei, auf dem eine Broschüre über das St. Lucia Internat liegt. Nachdenklich blättere ich darin herum.
Vor vier Monaten lag sie plötzlich in unserem Briefkasten. Ich hatte noch nie in Erwägung gezogen, ein Internat zu besuchen. Doch dort werden Kurse angeboten, die mich interessieren, wie Psychologie, Kommunikationswissenschaft oder auch Fotografie.
Mit der Vorstellung, im Internat neue Wissensgefilde erschließen zu können, informierte ich mich auf ihrer Homepage über die Möglichkeit, ein Stipendium zu erwerben, und schickte die dafür erforderlichen Unterlagen ab. Drei Wochen später erhielt ich ein Schreiben, in dem mir der Geschäftsführer Henry Krey zu einem Schulplatz am St. Lucia Internat gratulierte.
Ich hatte nicht mit einer Zusage gerechnet, umso mehr freute ich mich darüber. Doch je näher der Tag der Abreise rückt, desto nervöser werde ich. Mich plagt das Wissen um meine grandiose Fähigkeit, Menschen zu vergraulen. Ich werde mit sieben Schülerinnen in einer Wohneinheit zusammenleben und ich bezweifle, dass sich das für mich und die anderen angenehm gestalten wird, auch wenn wir ab der siebten Klasse Einzelzimmer beziehen.
Es klopft an der Tür und meine Mutter steckt den Kopf ins Zimmer. »Ich hole Papa ab.«
»Ok.«
Sie schließt die Tür, um sie dann sofort wieder zu öffnen. »Brauchst du vielleicht Hilfe beim Packen?«
»Wieso?«, frage ich, selbst wenn ich die Antwort darauf schon kenne. In ihrem Gesicht liegt Unbehagen über das hier herrschende Chaos.
»Ach, nur so.« Ihr skeptischer Blick wandert durch mein Zimmer.
»Ich gebe meinen Sachen nur eine höhere Anordnungsfreiheit«, behaupte ich.
»Und wann gedenkst du diese Freiheit wieder zu beschränken?«
»Ich befürchte, das könnte noch dauern.«
»Sieh aber zu, dass du bis Sonntag fertig bist.«
»Klar.«
Die Tür geht zu und die Schritte meiner Mutter entfernen sich. Ich lege die Broschüre zur Seite, mache es mir auf meinem Bett bequem und nehme das Buch, das ich mir gestern in der Stadt gekauft habe: ›Der Elektrische Mönch‹ von Douglas Adams. Es verspricht einen viel amüsanteren Zeitvertreib als das Packen. Der Wortwitz und die absurden Welten, die Adams in seinen Büchern erschafft, faszinieren mich. Mittlerweile habe ich alle fünf Teile aus der Serie ›Per Anhalter durch die Galaxis‹ verschlungen und widme mich nun seinen Spätwerken, die, wie ich feststelle, nicht minder lustig sind. Ich lese bis zum Abendessen und anschließend bis weit nach Mitternacht. Nur die Müdigkeit bringt mich dazu, das Buch zur Seite zu legen und zu schlafen.

In einem kleinen Raum stehen die Möbel wirr verteilt, das fahle Licht lässt die Farben staubig und leblos erscheinen. Schulbücher, Ordner, Stifte und Blätter liegen auf rauen Holzdielen. Als ich mich hinunterbeuge, um nach einem Mathebuch zu greifen, lässt mich ein Geräusch herumfahren. Die Luft flimmert, gesichtslose Schatten zucken durch mein Blickfeld. Kälte frisst sich in meine Haut. Der Raum bewegt sich, ich verliere den Halt. Panisch kralle ich mich an ein abgewetztes Sofa. Der Boden löst sich Stück für Stück auf und ich stürze in die Tiefe.
Ich schnelle aus dem Schlaf. Mit zittrigen Fingern taste ich nach dem Schalter der Nachttischlampe und knipse das Licht an. Der sanfte kegelförmige Schein offenbart die vertraute Realität, die mich beruhigen sollte. Aber das Echo des Albtraums, das Gefühl zu fallen, lässt mein Herz immer noch aufgeregt schlagen. Aus der Nachttischschublade hole ich eine Schmuckschatulle und entnehme ihr einen Bergkristallanhänger, der an einer silbernen Kette hängt. Der helle Quarz schimmert im Schein der Lampe. In der Mitte des Steines steckt in einer Bohrung ein schwarzes Haar, das durch die gläserne Struktur leicht verschwommen wirkt. Ich schließe meine Hand um den Anhänger, reibe mit dem Daumen über die glatte Oberfläche, über die goldene Kappe mit der goldenen Öse, die das Haar verschlossen hält. Als ich mir die Kette umlege und sich der kühle Stein an meine Haut schmiegt, keimt in mir das Gefühl auf, beschützt zu werden. Ich bette den Kopf zurück auf mein Kissen und starre nachdenklich in die Halbschatten des Zimmers. Die Welt erscheint einfacher, weniger beängstigend, wenn ich den Anhänger trage.
Meine Mutter schenkte ihn mir zum achten Geburtstag mit dem Hinweis, dass er über mich wachen würde, wenn ich mich allein fühle oder Angst habe. Damals als Kind, als mein Verstand noch nicht das Unerklärliche abtat, passte dieser mysteriöse Anhänger in meine Lebenswirklichkeit. Doch je älter ich werde, desto stärker kollidiert sein Einfluss auf mich mit der Logik. Was hat dieser Stein an sich, dass er am Hals getragen so balsamgleich mein Gemüt beruhigt?
Meine Mutter verschwieg mir, wo sie ihn kaufte. Das sei ihr Geheimnis und egal wie sehr ich sie auch zu einer Antwort drängte, sie schwieg mit einem milden Lächeln auf den Lippen. Ich weiß nicht, ob sie mich nur ärgern wollte oder ob sie etwas verbirgt. So oder so, ich fand mich damit ab, dass mir die Herkunft des Anhängers unbekannt bleibt. Doch würde mir diese Information überhaupt einen Hinweis auf seine Wirkung geben? Ich knipse das Licht aus und schließe die Augen. Vermutlich nicht.

»Möchtest du einen schwarzen Tee?«, fragt meine Mutter, als ich verschlafen in die Küche schlurfe.
»Ja, bitte.« Ich lasse mich auf die Bank am gedeckten Frühstückstisch sinken und streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Meine Mutter schüttet den dunkelbraunen Aufguss aus der Kanne in die Tasse, die vor mir auf dem Tisch steht. »Schlecht geschlafen?« Ihr Blick verweilt kurz an dem Bergkristallanhänger. Verlegen stecke ich ihn unter mein Schlafshirt; ich komme mir albern vor, wenn ich ihn trage. Talismane, Amulette oder Ähnliches gehören in Geschichten, nicht in die Realität. Wenn ich ihn schon nutze, dann soll das wenigstens keiner wissen.
»Mmh«, brumme ich zustimmend; meine Finger wärmen sich an dem Porzellan der Teetasse.
»Hattest du einen Albtraum?«
Mit einem missbilligenden Blick betrachte ich meine Mutter. Das Interesse in ihrer Stimme verrät, dass die Psychotherapeutin in ihr fragt. Alles, was das Hirn in den Schlafphasen fabriziert, fasziniert meine Mutter ungemein.
»Ich habe jetzt keine Lust auf eine Analyse meines Unbewussten.«
»Also hattest du einen Albtraum.«
»Kein Kommentar.«
»Schade.« Sie schiebt die Aufbackbrötchen aus dem Ofen in einen Korb und stellt sie in die Mitte des Tisches. »Kannst du Papa holen? Er ist im Arbeitszimmer.«
»Papa!«, rufe ich.
»Du sollst ihn holen.« Sie stupst mich an.
»Ja, ja.« Ich stehe auf und folge dem Flur zum Arbeitszimmer. Es liegt direkt neben meinem Zimmer. Ich klopfe an, keine Reaktion. Vorsichtig öffne ich die Tür und luge in den kleinen Raum. Mein Vater sitzt mit dem Rücken zu mir vorm Schreibtisch und trägt Kopfhörer. Wenn er arbeitet, hört er gern Musik. Um ihn herum herrscht die altbekannte Unordnung. In seiner ›Höhle‹, wie er das Arbeitszimmer nennt, würden Stauballergiker zugrunde gehen und Uneingeweihte keinen einzigen Stift finden, denn sie klemmen als Lesezeichen in Büchern, stecken in Pflanzentöpfen – warum auch immer – oder ruhen unter der Fracht des stets überladenen Schreibtisches. Auf Letzterem tummeln sich Papiere – zerknüllt oder beschrieben –, farbenfrohe Klebezettel, Bücher, Prüfungsunterlagen, alte Kaffeetassen, verstreute Büroklammern, mindestens drei Tacker und zwei Locher. Für den Laptop meines Vaters gibt es auf dem Schreibtisch zumindest keinen Platz mehr, sodass er ihn auf dem Schoß balanciert, wenn er wie jetzt an ihm arbeitet. In gebeugter Haltung sitzt er auf seinem Bürostuhl und tippt konzentriert auf der Tastatur.
Der Blick über seine Schulter verrät mir, dass er eine Powerpointpräsentation für die nächste Vorlesung erstellt.
»Papa?« Ich beuge mich in sein Sichtfeld; er zuckt zusammen und streift die Kopfhörer ab.
»Laine, hast du was gesagt?«
»Ich soll dich zum Frühstück holen.«
»Ich komme sofort«, meint er und tippt weiter. »Ich muss noch kurz den Gedanken zu Ende führen.«
»Klar.« Ich lasse mich auf den Sessel neben dem Schreibtisch fallen, nehme das Buch, das auf der breiten Armlehne liegt – ›Don Quijote‹ –, und blättere darin herum. Mein Vater streicht sich hektisch mit den Fingern durch die vollen grauen Haare. »Ich bin gleich fertig.« In seinen Worten schwingt der deutliche Hinweis mit, dass ich schon einmal vorgehen soll. Aber wenn ich nicht auf ihn warte, wird er in einer Stunde noch nicht von seiner Arbeit loskommen. Daher blättere ich lustlos in dem Buch, lege es wieder zur Seite und beobachte ihn, was ihn zunehmend irritiert. Letztendlich klappt er den Laptop zu. »Ist ja schon gut, lass uns gehen.« Er steht auf, platziert den Laptop auf dem Bürostuhl und verlässt das Zimmer. Ich folge ihm. Mission erfüllt.


II.

Die Landschaft zieht an uns vorbei, kahle Bäume, winterliche Wiesen, ein paar Häuser. Vereinzelt fallen Schneeflocken vom Himmel, doch es ist zu mild, als dass sie lange bestehen könnten. Es ist Sonntag und wir sind auf dem Weg zum Internat. Nun ist es also soweit.
»Hast du das Schild gesehen?« Mein Vater blickt vom Beifahrersitz aus zu meiner Mutter, die das Auto fährt. »Du fährst zu schnell.«
»Hast du schon mal etwas von einem Toleranzbereich gehört?«
»Du meinst den, den du überschritten hast?«
»Nerv nicht.«
»Unter 100 km/h werden nur 3 km/h zu viel toleriert.«
»Die Tachos der Autos sind doch schon geringer eingestellt.«
»Aha, und wie viel geringer?«
»Woher soll ich das denn wissen?«
»Wenn du das nicht weißt, ist es unsinnig …«
Die üblichen Streitereien meiner Eltern. Sie gleichen einem nicht ernstzunehmenden Randgeplänkel, in dem beide um das letzte Wort kämpfen. Sonst führen sie eine furchtbar harmonische Beziehung, die jetzt seit fast sechzehn Jahren besteht.
Den Erzählungen meiner Eltern zufolge war ich es, die sie beide verkuppelte. Sie lernten sich in der Uni kennen. Mein Vater, damals schon habilitierter Literaturwissenschaftler, traf meine Mutter vor dem Studierendensekretariat. Sie versuchte, einen Ordner aus ihrer Umhängetasche zu ziehen, während ich auf ihrem Arm herzzerreißend schrie. In der Hektik rutsche ihr die Tasche von der Schulter und der ganze Inhalt verteilte sich über dem Boden. Mein Vater trat an sie heran, um Hilfe anzubieten. Genervt drückte mich meine Mutter in seinen Arm und ich hörte sofort auf zu schreien. Ich lachte ihn an und suchte mir so meinen Vater aus. Von seiner sanften Art beeindruckt, lud meine Mutter den viel älteren Dozenten zu einem Kaffee ein und der Rest stellt eine zwischenmenschliche Erfolgsgeschichte dar.
Meinen Erzeuger lernte ich nie kennen. Ich entstand bei einer stürmischen Romanze mit einem Kommilitonen meiner Mutter, der sie schwanger sitzen ließ. Es gab eine Zeit, da fragte ich mich, ob ich das persönlich nehmen sollte, aber schließlich erschien mir diese Sichtweise unlogisch. Mein Erzeuger lief vor der Situation weg, nicht vor mir, dem damals noch undefinierbaren Zellhaufen. Und ich vermisse ihn nicht; Paul Roux ist mein Vater und der Beitrag des Erzeugers zu meiner Existenz ist nicht signifikant genug, um ihm eine Bedeutung in meinem Leben einzuräumen.
»Jetzt hast du die Ausfahrt verpasst«, stöhnt mein Vater.
»Weil du mich ablenkst, was übrigens schlimmer ist als ein paar km/h zu viel.«
Meine Mutter dreht bei der nächstmöglichen Gelegenheit und biegt in eine Allee mit hohen, uralten Bäumen.
Meine Nervosität steigt sprunghaft an; in ein paar Minuten erreichen wir das Internat und Zweifel werden in mir laut.
Kurz nach Weihnachten besuchte ich das St. Lucia, um mich zu vergewissern, dass ich mich für die richtige Schule entschieden habe. Auf Anhieb fühlte ich mich dort wohl. Die Anlage mit dem Schloss aus roten Ziegeln, den alten Nebengebäuden und den Backsteinwohntrakten stellt eine eigene, verwunschene Welt dar, in der eine ehrwürdige Atmosphäre herrscht. Nur waren zu der Zeit Ferien und ich sprach mit niemandem, der im Internat zur Schule geht. Vielleicht wäre es klüger gewesen, das Stipendium später zu nutzen und erst in der Oberstufe einzusteigen, anstatt im letzten halben Jahr der zehnten Klasse. Warum hatte ich es nur so eilig? Ich kaue auf meiner Unterlippe, während die hohe Bruchsteinmauer mit dem schmiedeeisernen Zufahrtstor des Internats auftaucht. Meine Mutter hält an und bittet meinen Vater, den roten Knopf an der Gegensprechanlage zu drücken, damit man uns das Tor öffnet. Also steigt er aus und lässt dabei die Tür offen, sodass wir hören, wie eine Stimme blechern aus der Gegensprechanlage scheppert: »Willkommen Herr Roux im St. Lucia Internat. Melden Sie sich bitte mit Ihrer Tochter im Verwaltungsgebäude.«
Etwas unsicher blickt mein Vater hoch zu der Kameraüberwachung am Eingang und steigt wieder ins Auto.
Das Tor ruckelt, öffnet sich und gibt den Weg frei.
Meine Mutter fährt eine kurze Allee entlang, hin zu einem großen Parkplatz, der direkt vor dem Verwaltungsgebäude liegt.
»Findest du es nicht seltsam, dass sie wussten, wer ich bin?«, fragt mein Vater. »Immerhin war ich noch nie hier.«
»Wahrscheinlich konnten sie es sich denken, weil wir uns angekündigt haben«, erwidert meine Mutter und stellt das Auto in einer der Parklücken ab.
»Wenn sie hier jeden reinlassen, weil er wahrscheinlich jemand ist, den sie erwarten, können sie sich die Überwachung auch sparen.«
»Paul! Wehe du sprichst das jetzt bei denen an.«
Wir steigen aus.
»Es wäre berechtigt.«
»Es wäre pedantisch.«
»Es wäre schön, wenn ihr mir mit meinem Gepäck helfen könnt.« Meine Eltern drehen sich zu mir um. Während ihrer Diskussion habe ich den Kofferraum aufgemacht und zwei doch recht schwere Reisetaschen und den Rucksack herausgeholt.
»Natürlich«, sagt meine Mutter, nimmt eine der Reisetaschen und reicht die andere meinem Vater. Zusammen gehen wir zum Verwaltungsgebäude.
»Es ist durchaus möglich, dass sie uns anhand des Nummernschildes erkannt haben«, flüstert meine Mutter, kaum dass wir die große Eingangshalle betreten. Unsere Schritte klappern auf dem polierten Marmorboden.
»Das Auto hätte gestohlen sein können.«
»Das ist doch total egal.« Mein Einwurf rutscht mir lauter heraus als beabsichtigt. Ich senke die Stimme. »Diskutiert das auf der Rückfahrt, ich würde jetzt gern wissen, wer mir die Schlüssel zu meiner Wohneinheit gibt.«
Wir sehen uns in der Eingangshalle um. Der Informationstresen zu unserer Rechten ist unbesetzt und auch sonst ist niemand in der Nähe.
»Wir sollten uns hinsetzen und einfach warten«, schlägt meine Mutter vor und deutet auf eine lederne Sitzecke, die mich vom Stil her an alte englische Sofas erinnert.
So stellen wir das Gepäck neben die dunkle Holztreppe, die in den ersten Stock führt, nehmen Platz und warten. Kurze Zeit später dringt der Klang von Stöckelschuhen an unsere Ohren. Wir stehen auf und aus dem Flur neben dem Informationstresen kommt eine füllige Frau in einem grauen Hosenanzug, einem schwarzen Mantel und mit einem Klemmbrett in der Hand. Es ist dieselbe Frau, die mich schon bei meinem Besuch nach Weihnachten herumführte. »Entschuldigt die Verspätung.« Sie gibt mir die Hand. »Schön, dass du dich für unser Internat entschieden hast.«
Wenn ich mich nur an ihren Namen erinnern könnte. Sie begrüßt meine Mutter, die mich damals begleitete, und meinen Vater, bei dem sie sich dann endlich vorstellt. »Hallo Herr Roux, ich bin Frau Jahn, die Leiterin der Gebäudeverwaltung.«
Den Namen muss ich mir merken, denn sie ist die erste Ansprechpartnerin, wenn es um unsere Unterkünfte geht.
»Bei uns ist es üblich, dass die Eltern sich hier von ihren Kindern verabschieden, damit ich mit den neuen Schülern und Schülerinnen alle Fragen in Ruhe klären kann.«
»Ok«, sagt meine Mutter, obwohl ich ihr ansehe, dass ihr das nicht gefällt. Sie nimmt mich in den Arm, streicht mir über die Haare. »Rufst du uns dann heute Abend an?«
»Ja.«
»Hab einen guten Start.« Mein Vater sieht schwermütig aus, als er mich umarmt. »Wenn es dir hier doch nicht gefällt, komme ich sofort und hole dich wieder ab.«
Ich lächle. »Ja, ich weiß.«
Meine Eltern verlassen das Gebäude. Frau Jahn hebt ein Blatt auf ihrem Klemmbrett an, liest und fragt: »Das restliche Gepäck kommt erst nächsten Freitag?«
»Ja, ein Freund von uns bringt es mit einem Sprinter vorbei, er war dieses Wochenende verhindert.«
Frau Jahn nickt. »Dann lass uns zu deiner Unterkunft gehen. Alles Weitere besprechen wir dort.«
Bevor ich es verhindern kann, schultert Frau Jahn beide Reisetaschen.
»Das brauchen Sie nicht«, protestiere ich. »Die sind doch schwer.«
»Ich bin da nicht so empfindlich«, erwidert sie mit einem milden Lächeln und setzt sich in Bewegung. Schnell greife ich nach meinem Rucksack und folge ihr. Wir verlassen das Gebäude. Skeptisch mustere ich Frau Jahn, doch ihr entspannter Gang zeigt, dass sie tatsächlich kein Problem mit den schweren Taschen hat. Wir biegen auf einen Weg aus Pflastersteinen, mein Blick schweift zu dem hinter uns liegenden Verwaltungsgebäude und bleibt am Balkon hängen. Auf ihm steht ein Mann, der uns beobachtet.
»Wer ist das?«, frage ich.
Frau Jahn bleibt kurz stehen und sieht zum Balkon hinüber. »Das ist der Geschäftsführer Herr Krey. Er wird sich dir im Laufe der nächsten Woche noch persönlich vorstellen.«
»Warum?«
»Er ist dein Mentor hier im Internat.«
»Aha.« Aber das erklärt meines Erachtens nicht, warum er mich von seiner erhöhten Position im Blick behält. Was erwartet er, durch diese intensive Betrachtung zu erfahren? Mit ein wenig Unbehagen drehe ich ihm den Rücken zu und folge Frau Jahn.
Wir passieren Rasenflächen auf beiden Seiten des Weges und erreichen die zwei Wohnhäuser der Unter- und Mittelstufe, die aus rotem Backstein bestehen. Ihre Sprossenfenster sind weiß gestrichen und stellenweise kriecht Efeu über das Mauerwerk. Zusammen umschließen sie einen Innenhof aus Pflastersteinen. In dem einen wohnen die Mädchen, ihnen gegenüber die Jungen. Beide Gebäude sehen fast gleich aus. Nur besitzt jede Wohneinheit – sechszehn an der Zahl – eine andersfarbige Haustür. Die eine zeigt zum Beispiel ein kräftiges Rot, die andere ein sattes Grün. Auch sind sie mit Schnitzereien, buntem Glas oder kunstvollen Griffen verziert. Frau Jahn steuert auf eine blau gestrichene Tür zu, die sich durch Blumenschnitzereien und ein ovales Glasfenster im oberen Bereich auszeichnet. Aus ihrer Manteltasche holt sie einen großen Schlüsselbund hervor und meint: »Wir haben dich der ›Kornblumenunterkunft‹ zugeteilt. Hier orientieren wir uns hauptsächlich an den Haustüren, für die Post solltest du aber die Hausnummer angeben.« Sie zeigt auf die Messingtafel an der Wand mit der Aufschrift ›7d‹ und schließt die Tür auf. »Du lebst hier mit sechs Mädchen, normalerweise sieben, aber Marleen verbringt die zehnte Klasse in Amerika. Sie kommt erst in einem halben Jahr zurück.«
Im Flur blicke ich auf Fliesen herab mit blauen, floralen Ornamenten.
»Im Moment besuchen deine Mitbewohnerinnen alle ihre freiwilligen Lerngruppen. Sie kommen frühestens um vierzehn Uhr zurück.«
Ich sehe auf meine Armbanduhr, also ungefähr in einer Stunde. Frau Jahn stellt die Reisetaschen ab und öffnet die Tür zu ihrer Linken. »Das ist die Küche und der Gemeinschaftsraum.« Hier steht ein hellgrünes Sofa in einer Ecke und ihm gegenüber ein großer Fernseher auf einem Sideboard. Die Einbauküche aus weiß lasiertem Holz und ein gleichfarbiger Esstisch mit zehn Stühlen befinden sich im hinteren Bereich. Neben großen gerahmten Naturfotos an den Wänden sorgen ein paar Pflanzen für eine heimische Atmosphäre.
»Die Mahlzeiten werden gewöhnlich in der Mensa eingenommen, aber hier habt ihr die Möglichkeit, außerhalb der festgelegten Zeiten zu kochen. Wie bei allen Räumen, die gemeinsam genutzt werden, gilt die Regel: Hinterlasse sie sauber und ordentlich.«
Frau Jahn geht zu einer Pinnwand, die neben der Tür hängt. Sechs Stundenpläne sind dort befestigt, ein Dienstplan für die Badezimmer sowie die Küche und zwei Listen mit den Überschriften ›Reparaturen‹ und ›Einkäufe‹.
»Wenn Reparaturen anfallen, die nicht sofort erledigt werden müssen, trägst du sie in die Liste ein. Einkaufswünsche trägst du hier ein.«
Ich folge Frau Jahn in den Flur. »In diesem Zimmer«, sie deutet auf eine Tür, an der ein Tonschild mit drei Daumenabdrücken und den Buchstaben ESA hängt, »wohnen Emily, Samira und Anouk, die drei Mädchen aus dem sechsten Jahrgang.« Der Flur macht einen Knick und führt zu einer weiteren Tür. »Dort liegt eine kleine Wohnung, in der Lehrerinnen des Internats abwechselnd übernachten; sie sind ab neunzehn Uhr bis zum nächsten Morgen für euch und eine zweite Wohneinheit da.«
Frau Jahn kehrt zu meinen Reisetaschen zurück, hängt sie sich über die Schultern und steigt die Holztreppe hoch. »Oben sind die Einzelzimmer«, sagt sie und führt mich in der ersten Etage durch den Flur. Auf beiden Seiten gehen Türen ab. Bei der dritten von rechts bleibt sie stehen und öffnet sie. »Das ist dein Zimmer.«
Ich gehe hinein und sehe mich um. Wie in der Broschüre angekündigt, stehen hier ein Bett, ein Schreibtisch mit Stuhl sowie Leselampe, zwei Regale für Bücher und ein Kleiderschrank.
Frau Jahn lässt die Taschen zu Boden gleiten, löst einen Schlüssel von ihrem Bund und gibt ihn mir; er hat einen blauen Kopf mit einer eingravierten Kornblume. »Der ist für die Wohnungstür. Ich brauche noch eine Unterschrift, dass du ihn erhalten hast.« Sie reicht mir das Klemmbrett und zieht einen Kugelschreiber aus ihrer Manteltasche. Ich unterschreibe auf der gestrichelten Linie.
»Denk bitte an deinen Termin mit Herrn Hunold in einer halben Stunde.«
»Natürlich.« Verdammt, den hätte ich vergessen.
»Gut.« Sie lächelt. »Dann wünsche ich dir morgen einen guten ersten Schultag.«
»Danke.«
Frau Jahn geht. Aus der Jacke hole ich mein Handy und stelle den Alarm für das Treffen mit Herrn Hunold, meinem neuen Klassenlehrer. Und wenn ich schon mal dabei bin, auch um sechszehn Uhr für das Willkommenskaffeetrinken mit meinen Mitbewohnerinnen.
Während ich auspacke, denke ich an eines von Hermann Hesses Gedichten. Darin schreibt er, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt. Er hat recht, aber er vergaß, die gehörige Portion Unsicherheit zu erwähnen. Egal wie viele Neuanfänge ich auch erlebe, dabei begleitet mich stets eine gewisse Übelkeit und bei dem jetzigen ist sie besonders ausgeprägt. Diesmal bin ich auf mich allein gestellt. Meine Eltern schenken mir das Gefühl von Geborgenheit. Bei ihnen kann ich sein, wie ich bin. Nun muss ich mich auf meine sozialen Fähigkeiten verlassen, um hier Kontakte zu finden. Bei dem Gedanken wächst das Zwicken in der Magengegend. Ich gehe zum Rucksack, öffne den Reißverschluss der Innentasche und hole das Schmuckkästchen mit meinem Bergkristallanhänger heraus. Es wird helfen, ihn in der ersten Zeit zu tragen. Ich lege die Kette an und verstecke den Anhänger unter meiner Karobluse und dem Unterhemd, damit er beruhigend an der Haut liegt, aber für fremde Augen nicht zu sehen ist.
Das Handy piept. Es ist an der Zeit, meinen neuen Klassenlehrer kennenzulernen.

Das Gelände des Internats liegt im trüben Mittagslicht. Schnee fällt vom Himmel mit einer plötzlichen Stärke, dass ich meine Strickmütze aus der Jackentasche nehme und sie aufsetze. Sobald ich den windgeschützten Innenhof der Wohntrakte verlasse, zerren eiskalte Böen an mir. Meine Schritte werden schneller, zum Glück ist der Weg zur Mensa nicht lang. Im gläsernen Eingangsbereich stampfe und schlage ich die Schneeflocken von mir ab und sehe mich um. Die Essensausgabe liegt sauber und ungefüllt vor mir. Rechts und links stehen Reihen von Holztischen, über denen schwarze Industrieleuchten hängen. In einer Ecke sitzt eine Gruppe Schüler, sonst hält sich niemand in der Mensa auf. Ich gehe zum Getränkeautomaten unweit des Eingangs, greife mir eine der Tassen, die auf dem Tisch daneben stehen, und ziehe mir eine heiße Schokolade. Mit ihr nehme ich am nächsten Tisch Platz. Durch die große Glasfront kann ich zwischen dem Schneetreiben das Schloss aus roten Ziegeln sehen, wie es eindrucksvoll in die Höhe ragt. Dort liegen die Klassenräume, das Lehrerzimmer, das Büro der Schulleiterin, das Krankenzimmer, die große Bibliothek. Bei meinem Besuch habe ich sie alle besichtigt und weiß, wo ich morgen früh hin muss. Ich bin gespannt, wie der Unterricht verlaufen wird. Bis jetzt hatte ich nie Schwierigkeiten, einen soliden Zweierschnitt beizubehalten. Das Lernen fällt mir leicht, auch wenn der mir vorgesetzte Lernstoff selten mein Interesse erregte. Viele Themen behandelten wir nur oberflächlich, so reduziert, dass das eigentlich Faszinierende daran verloren ging. Ein Beispiel: Das Atom ist nicht wie ein Planetensystem aufgebaut. Die Elektronen umkreisen nicht auf Umlaufbahnen den Atomkern, sie umgeben ihn in Elektronenwolken. Je nach Art der Untersuchung offenbaren sie sich als Teilchen oder als Welle. Und so werden Elektronen zu einem geisterhaften und schwer begreifbaren Bestandteil jedes Atoms und damit jeder Zelle unseres Körpers.
Diese Informationen lieferte mir niemand in der Schule, ich las darüber in meiner Freizeit. Nicht, dass mich das stören würde; ich sehe den Unterricht als Tauschhandel an. Ich lerne, was mir gesagt wird, und bekomme dann die Noten, mit denen ich in Ruhe gelassen werde. Bis jetzt zeigte diese Strategie Erfolg, ich frage mich nur, ob sie auch hier im Internat inmitten lauter Hochbegabter brauchbar ist. Ich befürchte, ab jetzt muss ich mich etwas mehr anstrengen als sonst.
Ich sehe auf die Uhr, Herr Hunold kommt zu spät. Eine Weile bleibe ich noch sitzen, sehe regelmäßig zur Tür, dann werde ich unruhig, stehe auf und sehe mich in der Mensa um. Doch ich kann niemanden im Alter eines Lehrers entdecken. Stand nicht ›Treffpunkt: Mensa‹ in dem Terminplaner der ersten Woche? Ich stelle den Becher in die Wanne der Geschirrabgabe und überlege, in mein Zimmer zurückzukehren, um noch einmal in meinen Unterlagen nachzusehen. In dem Moment werde ich auf einen groß gewachsenen Mann aufmerksam, der mit Hut, Mantel, Anzug und Aktentasche aus dem Schneetreiben in die Mensa tritt. Ich gehe auf ihn zu. Er klopft sich vom Schnee frei, zieht den Hut ab und ich zögere näherzutreten. Ich schätze sein Alter auf Mitte vierzig; in den braunen, glatten Haaren glänzen schon einige weiße Strähnen. Sein Gesicht wirkt hart, die blauen Augen, die mich kurz streifen, schimmern kalt. Plötzlich hoffe ich, dass ich mich mit dem Treffpunkt geirrt habe, und Herr Hunold irgendwo anders wütend über mein Fehlen sitzt. Die Vorstellung gefällt mir besser als die, dass dieser Mann mein neuer Klassenlehrer ist. Doch er kommt auf mich zu und fragt: »Bist du Laine?«
»Ja.«
»Gut. Ich bin Herr Hunold.« Er setzt sich an einen Tisch und ich nehme ihm gegenüber Platz.
»Zuerst einmal finde ich es unvorteilhaft, mitten in der zehnten Klasse hier hin zu wechseln«, beginnt er sofort. »Du wirst jede Menge nachholen müssen. In der elften Klasse wäre das einfacher gewesen. Normalerweise akzeptieren wir Neuaufnahmen auch nur zu Beginn eines Schuljahres, aber das ist unserem Geschäftsführer egal und der hat die Schulleitung gut im Griff.«
Ich starre Herrn Hunold verdutzt an, meine Hand wandert automatisch zum Bergkristallanhänger, den ich durch den Stoff ertaste. Doch das vage Grundgefühl, das alles in Ordnung ist, trifft auf die sehr greifbare Ablehnung, die mir dieser Mann entgegenbringt.
»Ich habe dir die Unterrichtsthemen des ersten Halbjahres aufgelistet. Du solltest ihre Inhalte schnellstmöglich nacharbeiten.« Er legt seine Aktentasche auf den Tisch, entnimmt ihr eine Kladde und reicht sie mir.
Ein kurzer Blick auf die Unterlagen bestätigt meine Befürchtung: Ich muss mich ab jetzt sehr viel mehr anstrengen. Unter jedem Fach stehen eine Reihe von Themen und entsprechende Literaturverweise. Im St. Lucia gibt es keine Schulbücher, soviel weiß ich, doch scheinbar muss ich mir die einzelnen Texte selbst aus der Bibliothek zusammensuchen.
»Ich gebe dir zwei Wochen Zeit, dann frage ich dich ab und sehe, ob du mithalten kannst. Die Ergebnisse dieser mündlichen Prüfung ergeben 25% deiner gesamten Noten am Ende dieses Halbjahres.«
»Was? Aber haben Sie überhaupt das notwendige Fachwissen, um mich in allen Fächer zu prüfen?« Falsche Frage, denn in seinen Augen glitzert Kampfeslust.
»Das ist meiner Meinung nach Allgemeinwissen. Es hat mich kaum Mühe gekostet, es mir anzueignen.« Er spricht in einem Ton, als ob er vom Krieg berichtet und davon, wie er mehrere feindliche Stellungen im Alleingang bezwang.
Ich sehe noch einmal auf die umfangreiche Liste. »In zwei Wochen?«
»Du erwartest die Bestätigung einer Auskunft, die ich dir vor drei Sekunden gegeben habe? Du meine Güte, deine Auffassungsgabe solltest du bis zu der Prüfung besser trainiert haben.«
Das Blut schießt mir in die Wangen. Seine Dominanz schüchtert mich ein und das passiert mir selten.
Er zieht eine Akte aus seiner Tasche, auf der mein Name steht, schlägt sie auf und meint: »Dein Intelligenztest zeigt gute Ergebnisse, vor allem im sprachanalytischen Bereich, aber er ist immerhin schon fünf Jahre alt.«
»Es gab bei der Bewerbung keine Vorschrift, wie alt der Test sein darf«, entgegne ich.
»Stimmt, obwohl es sie geben sollte. Außerdem finde ich es ein wenig verdächtig, dass der Test von der Kollegin deiner Mutter durchgeführt wurde. Das riecht nach unfairen Bedingungen.«
»Sie führte eine Studie über Intelligenztests durch. Ich tat ihr damit einen Gefallen, nicht umgekehrt.«
»Das eine schließt das andere nicht aus.«
»Und was sollte ich vor fünf Jahren für einen Grund gehabt haben, ein besseres Ergebnis zu erschummeln? Damals hatte ich für den Test überhaupt noch keine Verwendung.«
»Eitelkeit?«
Ich kneife die Lippen zusammen; warum auch immer, er will kein gutes Haar an mir lassen.
Herr Hunold blättert ein paar Seiten weiter. »Deine freiwilligen Lerngruppen sind Fotografie, Kommunikationswissenschaft und Laufen. Laufen? Sind dir andere Sportarten zu schwer?«
Langsam regt sich Zorn in mir. »Ich bin verpflichtet, eine Sportveranstaltung zu wählen, egal welche, egal wie anspruchsvoll. Also können Sie sich diese bissige Frage sparen.«
Ein amüsiertes Lächeln huscht über sein Gesicht und ich fühle mich, wie eine Babykatze, die empört die Krallen nach einer ausgewachsenen Bulldogge ausfährt. »Eines solltest du dir merken, Laine Roux: Ich stelle am liebsten Fragen, die anderen nicht gefallen.« Er steckt meine Akte zurück in die Tasche, faltet die Hände und sieht mich mit seinen eisigen Augen an. Mir wird mulmig zumute.
»Apropos Fragen. Ich habe keine mehr und was ist mit dir?«
Lieber würde ich mir die Zunge abbeißen. »Nein«, antworte ich so fest wie möglich.
»Dann sehen wir uns morgen in Naturwissenschaften.« Herr Hunold steht auf und verlässt die Mensa.
Ich bleibe mit klopfendem Herzen zurück. Mein neuer Klassenlehrer macht mir Angst. Die Vorstellung, ihn ab jetzt fast jeden Tag ertragen zu müssen, schnürt mir die Brust ein. Vor allem benotet er mich in drei Fächern, in Naturwissenschaften, Mathe und Geschichte. Wie soll ich unter solchen Voraussetzungen die zehnte Klasse abschließen?
Doch neben der aufblitzenden Panik regt sich mein altbekannter Trotz und drängt sich mit den Ellenbogen an die Front meiner Gefühlswelt. Ich gebe mich nicht kampflos geschlagen. Also stehe ich auf, trete in das Schneetreiben und steuere auf das Schloss zu. Die Bibliothek liegt im Ostflügel und ist durch eine schwere Eichentür erreichbar. Ich blicke auf die metallenen Lettern, die über dem Eingang hängen, und lese den Leitsatz des Internats: ›Denke ungewöhnlich‹. Ich bezweifle, dass mir die Aufforderung bei meinem Problem mit Herrn Hunold helfen wird. In diesem Fall hilft wohl nur das altmodische ›sich den Arsch aufreißen‹.
Ich ziehe am Türgriff und die Wärme der hell erleuchteten Bibliothek empfängt mich. Auf zwei Etagen stehen eng an eng Regale, die mit Büchern vollgestopft sind. Ich öffne die Kladde und blicke auf Herrn Hunolds Unterlagen. Heute schaffe ich es niemals, die ganzen angegebenen Texte zu kopieren, aber ich kann einen Anfang machen.

Das Handy klingelt und erinnert mich an das Willkommenskaffeetrinken um sechzehn Uhr. Mir bleiben zehn Minuten, doch zwei Seiten will ich noch kopieren. Ich lege das Buch über den Kalten Krieg auf die Scanfläche des Kopierers, stecke meinen Schülerausweis in das Lesegerät und drücke den Kopierknopf. Die Blätter fallen in das Ausgabefach und ich stopfe sie in die Kladde. In den letzten zwei Stunden ist sie durch die ganzen Kopien wesentlich dicker geworden. Ich stelle das Buch zurück und laufe eilig zu meiner Wohneinheit.
Als die blaue Tür hinter mir ins Schloss fällt, höre ich eine laute Mädchenstimme tönen: »Lass die Finger davon, die sind für die Neue.« Damit bin wohl ich gemeint.
Ich hänge meine Jacke an die Garderobe, ziehe die Schuhe aus und betrete den Gemeinschaftsraum. Ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen versucht einem anderen Mädchen mit sommersprossigem Gesicht und kurzen blonden Haaren einen Muffin abzunehmen. Eine Frau, die ihre langen, roten Haare offen trägt, deckt den Tisch mit Kaffeegeschirr.
Sobald sie mich bemerken, verharren die streitenden Mädchen und sehen mich verdutzt an.
Ich hebe die Hand. »Hallo, ich bin Laine.«
Das blonde Mädchen nutzt sofort die fehlende Gegenwehr und steckt sich den erbeuteten Muffin in den Mund.
»Hallo Laine, ich bin Frau Flynn«, stellt sich die rothaarige Frau vor. Der Schlag ihrer Zunge lässt mich vermuten, dass ihre Muttersprache Englisch ist. »Das hier sind Anouk«, sie zeigt auf das blonde Mädchen, das immer noch an dem Muffin kaut, »Emily«, damit meint sie die mit den braunen Zöpfen, »und Samira«, ihre Hand wandert Richtung Sofa. Ich drehe mich um und blicke auf ein zierliches Geschöpf. Samiras schwarzes Haar umschmeichelt ihr bildschönes Gesicht. Sie sieht von ihrem Smartphone hoch und erfasst mich mit ihren dunklen, ernsten Augen.
»Komm, setz dich, wir haben für dich gebacken«, sagt Frau Flynn. Eine Platte mit Schokomuffins steht auf der einen Seite des Tisches, ein Marmorkuchen, auf dem zahlreiche zuckrige Froschgesichter mit Kuvertüre kleben, auf der anderen Seite. Hunger regt sich in mir, ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.
»Das sieht lecker aus, danke.« Ich gehe in die Küche. »Kann ich noch irgendwie helfen?«
»Nein, alles ist fertig. Ich hole Clara und Veronika«, erwidert Frau Flynn und verlässt den Gemeinschaftsraum. Ich lege meine Kladde auf den Tisch und nehme Platz. Anouk mustert mich mit wachen, grünen Augen. »Erzähl uns was von dir!«, fordert sie auf.
»Was wollt ihr denn wissen?«
Emily und Anouk stellen zahlreiche Fragen, über meine Hobbys, meine Lieblingsfilme, ob ich einen Freund habe und und und. Samira beobachtet das Treiben nur aufmerksam.
Nach einer Weile kommt Frau Flynn in Begleitung zweier Mädchen zurück. Eine von ihnen stellt sich als Veronika vor. Ihr schmales Gesicht ist blass; ihr Blick weicht meinem aus.
Clara, das andere Mädchen, erscheint mir wie ein Wesen von einem fremden Planeten. Ihre Haare sind hellblond, fast weiß. In ihren tiefblauen Augen liegt ein merkwürdiges Desinteresse an der Welt um sie herum. Als ob sie in unserer Realität nur eine Besucherin wäre.
Frau Flynn und die Mädchen setzen sich zu mir an den Tisch und wir beginnen zu essen. Während ich in einen der fluffigen Schokomuffins beiße, wird mir bewusst, dass hier nur fünf Mädchen sitzen.
»Fehlt jemand?«, frage ich.
»Ja, Uli.« Anouk schiebt sich gerade das zweite Stück Kuchen auf den Teller. Meine Güte, kann die Kleine essen.
»Sie ist bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit«, erklärt Frau Flynn.
»Sie liest alten Leuten vor oder geht mit ihnen spazieren«, fügt Emily hinzu.
Ab der zehnten Klasse ist die Wahl einer ehrenamtlichen Aufgabe verpflichtend. Für mich gilt das aber erst ab der Oberstufe, damit ich die restliche Zeit des Halbjahres für die Eingewöhnung nutzen kann.
Mein Blick wandert von einer Mitbewohnerin zur nächsten. Normalerweise fühle ich mich bei Fremden unwohl, doch bei ihnen entwickelt das limbische System meines Gehirns keine Sorge. Ihre Gegenwart ist mir angenehm. Nach dem erschreckenden Treffen mit Herrn Hunold ist es beruhigend zu wissen, dass der erste Tag nicht in einem kompletten Desaster gipfelt.

Nach dem Kaffeetrinken gehe ich in mein Zimmer, um weiter auszupacken. Doch ständig zieht es mich zu meinem Schreibtisch und ich lese in den Kopien. Am Ende bleibe ich dort sitzen. Das Auspacken kann noch warten.
Ungefähr eine Stunde später klopft es an der Tür, so leise, dass ich es fast nicht gehört hätte. Es ist Veronika, die schüchtern fragt, ob ich mit ihr zum Abendessen in die Mensa gehen möchte. Ich befürchte, die Frage entspringt lediglich ihrem Pflichtbewusstsein, nicht ihrem Wunsch nach meiner Anwesenheit, denn in ihrer Körpersprache liegt Unbehagen. Aber was auch immer sie bewegt, ich nehme ihre Einladung an, da mir die Vorstellung, in der Mensa allein zu sitzen, wenig reizvoll erscheint.
Auf dem Weg zur Mensa breitet sich eine unangenehme Stille zwischen uns aus.
»Seit wann lebst du schon hier?«, frage ich Veronika.
»Seit drei Jahren.« Sie spricht leise und sieht mich dabei nicht an. Wieder herrscht Schweigen.
»Und was ist deine ehrenamtliche Arbeit?« Offensichtlich bleibt es an mir hängen, das Gespräch in Gang zu halten.
»Ich organisiere das Nachhilfeprogramm im Internat.« Sie macht keine Anstalten, von sich aus weiter zu sprechen. Small Talk fällt mir generell schwer, aber mit dieser Gesprächspartnerin kommt er mir wie ein Ding der Unmöglichkeit vor.
Wir betreten die Mensa, in der weniger los ist, als ich erwartet hatte. Nur etwa die Hälfte der Tische sind besetzt.
»Hier ist es aber leer«, bemerke ich. Veronika reagiert nicht. »Ist das immer so?«, schiebe ich hinterher.
Veronika schüttelt den Kopf. »Nur sonntags. Viele Zehner und Oberstufenschüler sind wegen der ehrenamtlichen Arbeit in der Stadt und essen dort.«
Ich lasse meinen Blick über die verschiedenen Gesichter gleiten. Mit wem ich wohl in einer Klasse sein werde.
»Sind welche aus der 10c hier?«
»Nein«, antwortet Veronika mit einer überraschenden Klarheit in der Stimme. Auch wenn sie vermeidet, jemanden anzusehen, scheint sie ihre Umwelt gut im Blick zu haben.
An der Essensausgabe nehmen wir uns Tabletts, Teller und Besteck. Ich wähle eine Gemüsepfanne mit Reis und setze mich dann an den nächsten freien Tisch. Veronika folgt mir wie ein Schatten.
»Welches Fach magst du am liebsten?«, frage ich, nachdem wir für meinen Geschmack wieder zu lange geschwiegen haben. So stelle ich mir ein katastrophales erstes Date vor.
»Geschichte.«
Innerlich seufze ich. »Und warum?« Vielleicht muss ich nur hartnäckig genug sein.
»Sie beruhigt mich.«
Ich runzle die Stirn. »Wie meinst du das?«
»Die Menschen von damals sind weit weg in einer anderen Zeit.«
Sie sind nicht hier, wo sie Veronika ängstigen können. Nachdenklich betrachte ich das blasse Mädchen vor mir. In jeder Faser ihres Körpers liegt Schreckhaftigkeit. Es muss anstrengend sein, so zu der Welt um sich herum zu stehen. Und ich beschließe, ihr die Ruhe zu lassen, die sie braucht. Also schweigen wir den Rest des Essens und jetzt kommt es mir nicht mehr so unangenehm vor.

Zurück in unserer Wohneinheit lerne ich weiter. Gegen neun Uhr zwingt mich der Durst, eine Pause einzulegen. Ich verlasse mein Zimmer, um in die Küche zu gehen, wo ich einige Kästen Wasser in der Ecke gesehen habe.
Schon im Flur steigt mir der Duft nach frischem Gebäck in die Nase. Als ich die Tür zum Gemeinschaftsraum öffne, sehe ich ein Mädchen in der Küche, die in einer Glasschale rosafarbenen Zuckerguss anrührt.
»Hallo«, begrüßt sie mich. Sie ist schlank, trägt eine graue Stretch Jeans und einen schwarzen Schlabberpulli mit weißen Sternen.
»Hallo, ich bin Laine.«
»Dachte ich mir schon, ich bin Uli.« Das Lächeln, das über ihre schmalen Lippen huscht, hat etwas Schelmisches an sich. Sie stellt den Zuckerguss ab, schiebt sich eine Strähne ihres braunen Fransenbobs aus dem Gesicht und greift nach den Ofenhandschuhen.
Ich gehe zu den Wasserkästen, nehme mir eine Flasche und blicke neugierig zu Uli, die ein Blech Kekse aus dem Ofen zieht. Verdutzt stelle ich fest, dass sie alle die Form von kleinen Penissen haben. Uli schmunzelt. »Meine Mutter hat übermorgen Geburtstag und ich will ihr ein Päckchen schicken.«
»Und du schenkst ihr Peniskekse?«
»Oh ja, sie wird so ausflippen«, raunt sie schadenfroh.
»Du hast wohl nicht viel für deine Mutter übrig.«
»Eine Untertreibung. Ich konnte sie schon als Baby nicht leiden. Sie musste mir die Flasche geben, weil ich ihre Brust abgelehnt habe.« In Ulis Stimme, in ihrer Miene, in ihrer ganzen Ausstrahlung liegt ein feiner Hauch der Lüge. Kaum merklich, aber für mich wahrnehmbar.
»So ein Quatsch«, sage ich.
»Doch, wirklich.«
»Nein.«
Uli zieht eine Augenbraue hoch und sieht mich skeptisch an. Einen Augenblick befürchte ich, unsere erste Begegnung endet in einem Streit, doch plötzlich lächelt sie. »Bis jetzt hat mir jeder die Geschichte abgekauft.«
»Bist du sicher?«
»Ja, man sagt mir, ich bin eine gute Lügnerin.«
»Und ich weiß, wenn jemand lügt.«
In Ulis Augen schimmert ein frecher Glanz. »Ich glaube, du gefällst mir.«


III.

Ein greller Piepton reißt mich aus dem Schlaf, dröhnt in meinem Kopf. Hastig taste ich nach dem Handy, stelle den Alarm ab und reibe mir durchs Gesicht. Die Kinder der Unterstufe werden noch geweckt, ab der achten Klasse erwartet man von uns eine gewisse Selbstorganisation. Leider neige ich dazu, zu verschlafen, sodass mich meine Mutter bis dato häufig nachdrücklich aus dem Bett werfen musste. Das übernimmt nun dieser nervige Klingelton.
Verpennt suche ich mir aus dem Kleiderschrank ein paar Sachen, ein Handtuch sowie meinen Kulturbeutel und schlurfe in Hausschuhen zu den zwei Badezimmern der Wohneinheit. Beide sind besetzt. Ich lehne mich gegen die Wand und schließe die Augen. Sechs Uhr morgens ist nicht meine Zeit.
Halb eingedöst zucke ich zusammen, als sich eine der Türen öffnet. Clara kommt heraus; ihre blauen Augen erfassen mich.
»Morgen«, murmle ich.
Sie lächelt nur und zieht in einem Schwebegang davon. Seltsames Mädchen.
Unter der Dusche denke ich an die Texte, die ich gestern gelesen habe, gehe sie im Kopf noch einmal durch und versuche, die dort gewonnen Informationen zu ordnen. Sturheit brachte mich schon durch viele unangenehme Situationen, hoffentlich auch durch Herrn Hunolds Prüfung.
Ich steige aus der Dusche, blicke auf die Armbanduhr und bemerke, dass ich viel zu lange meinen Gedanken nachgehangen habe. Mir bleibt kaum noch Zeit. Zum Glück beinhaltet meine Morgenroutine kein umständliches Make-up: Creme, Wimperntusche, fertig. Haare kämmen, anziehen, zurück ins Zimmer, Rucksack greifen, die Treppe runter laufen.
Veronika und Uli stehen im Flur und warten auf mich.
»Da bist du ja endlich«, empfängt mich Uli; sie mustert mich. »Was hat denn so lange gedauert?«
»Nachdenken.«
Uli lacht. »Ach so, ja, das passiert schon mal.«
Zusammen gehen wir zum Frühstück in die Mensa.
Ich habe es bereits vermutet, aber je länger ich Uli beobachte, desto überzeugter bin ich. Sie gehört in die Kategorie Alphaweibchen. Ihre ausgeprägte Körperspannung lässt sie größer und präsenter erscheinen. Außerdem ist ihr Redeanteil sehr hoch. Veronika und ich orientieren uns beide automatisch an ihr.
Normalerweise stehe ich Alphaweibchen skeptisch gegenüber. Ich sehe in ihnen immer eine potenzielle Gefahrenquelle, weil viele von ihnen Zicken sind. Doch in Ulis Augen liegt Fürsorge. Sie sieht mich richtig und interessiert an, hört mir zu und achtet auf die Menschen um sich herum. Unter dieser Voraussetzung ist es mir egal, dass sie im Zentrum unserer Dreiergruppe steht.
Nach dem Frühstück schlendern wir zum Schloss, wo in zwanzig Minuten der Unterricht anfängt. Wir wählen den Weg durch den Hintereingang und durchqueren den Bereich der Oberstufe, der bei einer Glastür endet. Dahinter führt der Flur an Ulis und Veronikas Klassenräumen entlang. Veronika verabschiedet sich von uns, doch Uli möchte mich noch zu meiner Klasse bringen. Damit ich mich nicht direkt am ersten Schultag verlaufe. Obwohl ich den Weg kenne, widerspreche ich ihr nicht. Eine freundliche Geste anzunehmen, gehört nun mal zur Festigung sozialer Kontakte dazu – auch wenn sie in diesem Fall nicht nötig ist.
»Deine Klasse ist ein netter Haufen«, meint Uli, während wir den Flur entlang gehen. »Du wirst dich dort wohlfühlen.«
»Ich habe da so meine Zweifel. Das Treffen gestern mit Herrn Hunold lief nicht besonders gut.«
»Er ist kratzbürstig, aber sexy.«
»Was?«
»Guck nicht so angewidert. Er hat etwas an sich.«
»Kälte, Unverschämtheit, Provokation?«
»Ich sag’ ja, sexy.«
»Über deinen Männergeschmack solltest du mal mit einem Therapeuten sprechen.«
»Ach.« Uli macht eine wegwerfende Bewegung. »Wenn du wüsstest, wie oft ich schon beim Seelenklempner war. Hat mir nie geholfen.«
Wir erreichen das Foyer, das an den Haupteingang angrenzt. Der Boden ist hier aus glattpoliertem Marmor, ein Sofa und zwei Sessel sind nach einem Kamin ausgerichtet, in dem ein kleines Feuer lodert. Über dem Kaminsims hängt ein Foto von einem älteren Mann mit grauen Haaren in einem schwarzen Bilderrahmen. Davor brennen zwei weiße Kerzen. Bei meinem Besuch nach Weihnachten war das noch nicht dort.
»Wer ist das auf dem Bild?«, frage ich Uli.
»Das ist unser alter Geschäftsführer Alexander De Luca. Vor sieben Wochen wurde er hier im Internat ermordet. Eine gruselige Geschichte.«
Ungläubig betrachte ich Uli, aber ich kann bei ihr keine Lüge ausmachen. »Weiß man schon, wer das getan hat?«
»Die Ermittlungen laufen noch, aber der Hauptverdächtige ist einer seiner Cousins, der kurz nach der Tat untertauchte. Er soll Streit mit Herrn De Luca gehabt haben. Es ging wohl um Geld.« Uli zuckt mit den Schultern. »Das alte Thema halt.«
Wir gehen die breite Holztreppe hoch in den ersten Stock. Ich denke an seinen Nachfolger Herrn Krey, wie er auf dem Balkon stand und mich beobachtete.
»Und was weißt du über den aktuellen Geschäftsführer?«
»Herr Krey? Er ist ein ehemaliger Schüler des St. Lucias mit einem extrem hohen IQ. Mittlerweile besitzt er eine angesehene Technikfirma. Unsere Geschäftsführer sind immer Big Bosses. Seit Jahren gehört er zum Vorstand des Internats und spendet, denke ich, auch ganz umfangreich.« Uli sieht zu mir. »Warum fragst du?«
»Er ist wohl mein Mentor.«
»Mit ihm hast du es gut getroffen. Ein höflicher und zuvorkommender Kerl, der sich für einen Überflieger recht bodenständig verhält.« Uli bleibt an meinem Klassenraum stehen. »So, da wären wir. Also benimm dich und mach mir keine Schande.«
Ich muss lachen. »Ja Mama.«
»Braves Kind. Wir sehen uns beim Mittagessen.« Sie zwinkert mir zu und geht.
Kopfschüttelnd betrete ich meinen Klassenraum. Es ist noch niemand da, vier Zweiertische und das Lehrerpult sind unbesetzt. Ich sehe mich um. Es gibt eine klassische Tafel und daneben ein Smartboard, das mit einem Beamer an der Decke verbunden ist. In den Regalen an der Wand gegenüber der Fensterfront stehen Bücher und Kisten mit den Namen meiner neuen Mitschüler: Sandra, Patrick, Sebastian, Ivie, Leon, Milan und Tristan. Vermutlich lagern sie hier ihren privaten Kram. Ich bin gespannt, wer sich hinter den Namen verbirgt.
Um keiner Sitzordnung oder Sitzgewohnheit in die Quere zu kommen, nehme ich auf dem Sofa im hinteren Bereich Platz und warte. Die erste Person, die die Klasse betritt, ist ein dunkelhäutiges Mädchen mit krausen, schwarzen Haaren, die ihr keck ins Gesicht hängen. Als sie mich sieht, lächelt sie und legt damit ihre weißen, makellosen Zähne frei. »Laine, richtig?«
»Ja.«
»Herr Hunold hat dich bereits angekündigt. Ich bin Ivie.« Sie lässt ihren Rucksack an einem der vorderen Tische zu Boden sinken. »Möchtest du dich neben mich setzen?«
Ich stehe auf, das lasse ich mich nicht zweimal fragen.
»Kommst du von einem anderen Internat oder von einer staatlichen Schule?«, fragt mich Ivie, nachdem ich neben ihr Platz genommen habe.
»Von einer staatlichen Schule.«
»Kam ich auch vor zwei Jahren.« Ivie schiebt sich eine Haarlocke zur Seite, die aber schnell wieder zu ihrer ursprünglichen Position zurückwandert. »Ich war total nervös. Aber der Wechsel gestaltete sich angenehmer, als ich dachte. Die Einzelzimmer haben dabei eindeutig geholfen.«
»Ja, Privatsphäre ist etwas Schönes.«
»Sehe ich genauso.«
Ein kurzer Moment des Schweigens setzt ein, dann frage ich: »Wie sind eigentlich die Leute hier in der Klasse?«
»Eigenwillig, wie fast alle hier, aber recht pflegeleicht, wenn man die kleinen Macken berücksichtigt. Sandra liebt alles, was mit Sternen und dem Weltraum zu tun hat. Andere Gesprächsthemen interessieren sie nicht. Patrick möchte wie sein Vater Psychotherapeut werden und nervt manchmal ein wenig, wenn er versucht, dir deine eigene Psyche zu erklären. Im Grunde ist er aber ein netter Kerl. Die meiste Zeit hängt er mit Sebastian ab, der gern zeichnet und das auch verdammt gut hinbekommt. Bei Milan musst du ganz besonders vorsichtig sein, er ist ein begnadeter Taschendieb.«
»Was?« Ich blinzle verwirrt.
»Es ist so eine Art Spiel für ihn und er gibt dir die Sachen auch immer vollständig zurück, aber irgendwelche intimen Nachrichten solltest du zum Beispiel nicht bei dir tragen. Milan ist eine ganz schöne Klatschbase. Du verstehst?«
Ich nicke.
»Tristan kann seinen Namen nicht leiden, also verkneif dir Andeutungen auf Isolde oder so. Ihn ärgert es, wenn man ihn direkt mit einem Namensvetter in Verbindung bringt, der mit einer verheirateten Frau rummachte.«
»Ich muss bei dem Namen an ein Dressurpferd denken.«
Ivie kichert. »Das behalt auch lieber für dich.«
»Und was ist mit Leon?«
»Leon ist der Gott der Schaltkreise, ein unverbesserlicher Technikgeek.«
Außerdem steht Ivie auf ihn. Ihre Augen leuchten, die Stimmfarbe verändert sich, wenn sie über ihn spricht, und die Mikrobewegungen ihres Körpers werden aufgeregter.
»Was gibt es über dich zu sagen?«, frage ich. »Was sind die Fettnäpfchen, die ich bei dir vermeiden soll?«
»Mmh, wenn du mich so direkt fragst … Ich lese Liebesromane und hasse es, wenn ich darauf aufmerksam gemacht werde, wie schlecht die Story und die Charaktere gestaltet sind. Das verdirbt mir die Laune.«
»Ok, keine Kritik an Liebesromanen.« Ich blicke Ivie von der Seite an. »Du hast versucht, mit Tristan über ›Tristan und Isolde‹ zu sprechen, oder?«
»Ja«, murrt Ivie. »War keine gute Idee. Der Idiot versteht die Romantik dahinter nicht, also lerne aus meinen Fehlern.«
Ich sehe auf die Uhr. »Müsste der Unterricht nicht schon angefangen haben?«
»Herr Michels verspätet sich grundsätzlich; normalerweise so um die fünfzehn Minuten. Die anderen aus der Klasse kommen daher auch nicht früher. Nur kann ich einfach nicht unpünktlich sein und sitze dann hier allein rum.« Sie schenkt mir ein Lächeln. »Aber so habe ich die Möglichkeit, noch ein bisschen mit dir zu quatschen.«
Wir erzählen uns von unseren Familien. Ivies Eltern leben in Frankreich, wo sie vor zwei Jahren wegen der Arbeit ihrer Mutter hingezogen sind. Da Ivie ihre Schulausbildung aber in Deutschland abschließen wollte, entschloss sie sich für das Internat. Sie beschreibt gerade ihr uriges Haus in der Nähe von Lyon, als zwei Typen wild diskutierend die Klasse betreten.
»Wie kannst du das bloß ignorieren?«, fragt der eine. Auf der Nase trägt er eine runde Brille, seine blonden Locken stehen wirr vom Kopf ab.
»Wen interessiert, was er für einen Charakter hatte? Er war ein Pionier auf seinem Gebiet.« Der andere Junge mit schwarzen Haaren, blassem Gesicht und scharfen dunklen Augen pfeffert seinen Rucksack an den nebenstehenden Tisch.
»Er war ein Arsch«, erwidert der Blonde. »Und wenn man eine Morphiumsucht mit Kokain heilen will, zeugt das nicht von besonderer Intelligenz.«
»Das war Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Außerdem, hast du eine Ahnung, was heute für Medikamente verschrieben werden? Meinst du, die erzeugen keine Süchte?«
»Du kannst aber keine Sucht mit einer Sucht behandeln. Das ist doch Schwachsinn.«
Ivie beugt sich zu mir und flüstert: »Blondie ist Sebastian und der schwarzhaarige Typ Patrick. Wenn sie sich in die Wolle kriegen, nehmen sie nichts mehr um sich herum wahr, und das passiert recht häufig.«
Während Sebastian und Patrick weiter streiten, betritt ein Junge den Raum: groß, mit einem Männerdutt und den Augen eines Wiesels. Sobald er mich sieht, springt ein schiefes Lächeln auf seine Lippen. Er kommt an meinen Tisch und streckt mir die Hand entgegen. »Hi, ich bin Milan.«
Ich zögere einen Augenblick. Dann reiche ich ihm die linke Hand, nicht die rechte, an der meine Armbanduhr befestigt ist. Sicher ist sicher. Milan zeigt sich irritiert. »Linkshänderin?«, fragt er.
»Nein.«
Sein Grinsen ebbt ab und er sieht misstrauisch zu Ivie. »Was hast du ihr gesagt?«
»Ich weiß nicht, was du meinst.«
Milans Augen verengen sich. »Das werde ich mir merken.«
Sie unterdrückt ein Lachen. »Soll das eine Drohung sein?«
»Ja.« Er setzt sich an den Tisch hinter uns und beugt sich zu mir herüber. »Egal, was das Biest behauptet, ich bin durch und durch ehrenhaft.«
»Ok«, erwidere ich verwirrt, während seine Augen mich mit einem schelmischen Glanz betrachten.
»Ich kann dir am Wochenende die Stadt zeigen, es gibt da eine fantastische Bar. Was meinst du?«
»Baggerst du mich etwa an?« In dieser Frage liegt so viel ehrliche Erschrockenheit, dass Ivie prustend lacht.
Ein Junge setzt sich neben Milan. »Lass sie doch erst einmal hier ankommen, bevor du sie mit deinem Charme verschreckst.« Er reicht mir die Hand. »Ich bin Tristan.«
Seine dunkle, ruhige Stimme gefällt mir. In den Augen trägt er eine bittere Sanftheit, sein Lächeln ist freundlich, aber unverbindlich.
Die Tür knallt ins Schloss; ich drehe mich um und sehe einen Mann, der auf das Pult zueilt und dort hektisch Wintermantel, Mütze und Schal auszieht.

Ende der Leseprobe
E-Book und Taschenbuch sind erhältlich unter:


Alle Rechte liegen bei der Autorin.